Fachexkurs: Der kindliche Spracherwerb - eine mögliche Herausforderung (Newsletter Sommer 2026)

Frühpädagogische Fachkräfte und Kindertagespflegepersonen übernehmen wichtige Rollen bei der sprachlichen Bildung von Kindern. Sie gestalten nicht nur Sprechanlässe und können dadurch die Sprechfreude von Kindern steigern, sondern nutzen auch Methoden der alltagsintegrierten sprachlichen Bildung, um die Sprachentwicklung zu begleiten und zu unterstützen. Zudem haben frühpädagogische Fachkräfte und Kindertagespflegepersonen die Aufgabe, sprachliche Entwicklung zu beobachten und zu dokumentieren. Obwohl die Sprachentwicklung bei allen Kindern individuell und in unterschiedlicher Geschwindigkeit verläuft, gibt es dennoch Meilensteine, die zu bestimmen Zeiten erreicht werden sollten, damit darauf die nächsten Stufen aufbauen können. Um erkennen zu können, ob die Sprachentwicklung eines Kindes als auffällig einzuschätzen ist, ist ein sicheres Wissen über diese Meilensteine erforderlich. Die folgende Abbildung zeigt, unterschieden in Sprachverstehen und Sprachproduktion, die wichtigsten Stufen der Sprachentwicklung.

Wenn die sprachliche Entwicklung eines Kindes auffällig ist, können frühpädagogische Fachkräfte und Kindertagespflegepersonen das Gespräch mit der Familie des Kindes suchen, um eine weitere Abklärung bei Expertinnen oder Experten zu empfehlen. Hierbei geht es auch um die Entscheidung, ob die Sprachentwicklung des Kindes in der Kita oder Kindertagespflege ausreichend gefördert werden kann oder ob eine externe Unterstützung, beispielsweise durch Sprachtherapie, notwendig ist.

 

Im nächsten Abschnitt sollen die Begriffe alltagsintegrierte sprachliche Bildung (AiS), Sprachförderung und Sprachtherapie voneinander abgegrenzt werden.

 

Sprachliche Bildung? Sprachförderung? Sprachtherapie?

 

Alltagsintegrierte sprachliche Bildung bezeichnet u. a. den bewussten Einsatz positiver, sprachlicher Verhaltensweisen oder sprachlicher Angebote und richtet sich an alle Kinder. Dazu gehört, ein gutes Sprachvorbild für die Kinder zu sein und ihnen qualitativ wie quantitativ hochwertige, entwicklungsangemessene sprachliche Angebote zu machen. Hinzukommen die Methoden der alltagsintegrierten sprachlichen Bildung wie das handlungsbegleitende Sprechen, korrektive Feedback sowie dialogisches Lesen.

 

Kinder, die eine zusätzliche Förderung benötigen, profitieren von Angeboten und Methoden der Sprachförderung. Sprachliche Bildung und Förderung sind Aspekte des Auftrags pädagogischer Fachkräfte und schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen sich.

 

Anders ist es bei Logopädie und Sprachtherapie. Diese gehören zum Gesundheitswesen und sind nur nach einer Verordnung von Ärztinnen oder Ärzten möglich. Sprachtherapeutische Maßnahmen sind nicht mehr Aufgabenbereich der frühpädagogischen Fachkräfte. Durch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Kitas und Sprachtherapeutinnen und -therapeuten oder Logopädinnen und Logopäden kann die Sprachtherapie aber positiv beeinflusst werden.

 

Zusammenfassend ist die alltagsintegrierte sprachliche Bildung also für alle Kinder, Maßnahmen der Sprachförderung sind an Kinder mit umgebungsbedingten Sprachauffälligkeiten (wird im Anschluss beschrieben) gerichtet und die Sprachtherapie ist für Kinder mit pathologischen Sprach- oder Sprechstörungen. Eine Unterscheidung wird oft erst durch eine genaue Diagnostik möglich.

 

Einordnung kindlicher Sprachauffälligkeiten

 

Die folgenden Abbildung gibt einen Überblick darüber wie kindliche sprachliche Auffälligkeiten eingeordnet werden können.

Es wird unterschieden in Störungen der Aussprache (auch phonetische Störung), Stimmstörungen, Redeflussstörungen, umgebungsbedingte Sprachauffälligkeiten und Sprachentwicklungsstörungen. Dabei handelt es sich, bis auf die umgebungsbedingten Sprachauffälligkeiten, um pathologische Sprech- und Sprachstörungen, das heißt Störungen mit Krankheitswert. Sie sind in der ICD-10, dem internationalen Katalog für Krankheiten, aufgelistet und erfordern eine Sprachtherapie. Eine Sprech- oder Sprachstörung liegt allerdings erst vor, wenn die Sprachauffälligkeit über einen längeren Zeitraum (meist über drei Monate) besteht.

 

Umgebungsbedingte Sprachauffälligkeiten entstehen durch zu wenig sprachlichen Input in einer Sprache, können aber durch spezifische Förderung überwunden werden.

 

Unter Stimmstörungen fallen Störungen, die durch Veränderungen des Kehlkopfes entstehen. Typischerweise zeigt sich eine Stimmstörung durch eine leise oder heisere Stimme, die hauchig, gepresst oder kratzig klingen kann.

 

Redeflussstörungen sind zum Beispiel Stottern oder Poltern. Stottern zeigt sich durch die Kernsymptome Laut- oder Silbenwiederholung, Dehnungen einzelner Laute oder Blockierungen in der Äußerung. Dazu können sich negative Emotionen und Gefühle wie Angst oder Scham und dysfunktionale Gedanken wie „ich bin dumm, weil ich stottere“ einstellen. Auch ein Vorbeuge- oder Fluchtverhalten in Situationen, in denen Stottern befürchtet wird, kann auftreten. Wichtig ist es, keine gut gemeinten Tipps zu geben, wenn ein Kind stottert, sondern besser freundlichen Blickkontakt zu halten, aktiv zuzuhören und selbst entspannt bleiben.

 

Störungen der Aussprache zeigen sich durch eine abweichende Aussprache einzelner Laute oder Lautkombinationen. Dabei können einzelne oder auch viele verschiedene Laute betroffen sein. Aussprachestörungen, die sich allein durch die Schwierigkeit einzelne Laute zu bilden auszeichnen, werden phonetische Aussprachestörung genannt. Eine der häufigsten phonetischen Störungen ist das sogenannte Lispeln (fachsprachlich Sigmatismus). Eine phonologische Aussprachestörung liegt hingegen vor, wenn ein Laut zwar gebildet werden kann, im Sprachgebrauch aber nicht richtig verwendet wird. Typischerweise kommt es zu Lautersetzungen (z. B. Tanne statt Kanne). Phonologische Auffälligkeiten können Teil einer Sprachentwicklungsstörung (SES) sein, während rein phonetische Störungen nicht zu einer Sprachentwicklungsstörung gehören. Eine Sprachentwicklungsstörung kann sich auch auf der Ebene des Wortschatzes, der Wortbildung oder der Grammatik zeigen.

 

Mehr Informationen zur Sprachentwicklungsstörung finden Sie beim 1x1 der Fachbegriffe im Newsletter Sommer 2026.

Literatur

  • dbl.ev. Stimmstörung (Dysphonie). Verfügbar unter: https://www.dbl-ev.de/fachwissen-logopaedie/stimmstoerung-dysphonie/
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  • List, G. (2010). Frühpädagogik als Sprachförderung. Qualitätsanforderungen für die Aus- und Weiterbildung der Fachkräfte (Deutsches Jugendinstitut e. V., Hrsg.) (WiFF Expertise 2). München: Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte. Verfügbar unter: https://www.weiterbildungsinitiative.de/publikationen/detail/fruehpaedagogik-als-sprachfoerderung 
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  • Sallat, S., Spreer, M. & Glück, C. W. (2014). Sprache professionell fördern: kompetent-vernetzt-innovativ. In S. Sallat, M. Spreer & C. W. Glück (Hrsg.), Sprache professionell fördern. Kompetent, vernetzt, innovativ (Sprachheilpädagogik aktuell, Bd. 1, S. 14–27). Idstein: Schulz-Kirchner.
  • Sallat, S., Hofbauer, C. & Jurleta, R. (2017). Inklusion an den Schnittstellen von sprachlicher Bildung, Sprachförderung und Sprachtherapie (Deutsches Jugendinstitut e. V.,Hrsg.) (WiFF Expertise 50). München: Weiterbildungsinitiative FrühpädagogischeFachkräfte. Verfügbar unter: https://www.weiterbildungsinitiative.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/old_uploads/media/WiFF_Exp_50_Sallat.pdf
  • Schrey-Dern, D. (2014). Sprachförderung versus Sprachtherapie - eine Abgrenzung aus logopädischer Sicht. In A. Fox-Boyer (Hrsg.), Kindergartenphase (Handbuch Spracherwerb und Sprachentwicklungsstörungen, Bd. 2, S. 221–233). München: Elsevier, Urban & Fischer. 
  • Thum, G. (2024). Stottern, Schule und Inklusion. Ein Ratgeber zur Unterstützung stotternder Schülerinnen und Schüler.