Bericht aus der Praxis*

Frau K., staatlich anerkannte Erzieherin und stellvertretende Leiterin einer städtischen Kindertagesstätte in einer sächsischen Großstadt, berichtete mir von ihren Erfahrungen bei der Aufnahme von Kindern aus geflüchteten Familien in der Kita. [1] Das Gespräch zeigte viele Schwierigkeiten und große Herausforderungen auf, wies aber gleichzeitig auch auf schöne zwischenmenschliche Momente, die Solidarität zwischen Kolleg_Innen und ein großes Einfühlungsvermögen für die besonderen Bedürfnisse dieser Kinder hin.

  

In der Einrichtung werden insgesamt ca. 100 Kinder von 1-6 Jahren betreut. Die Kita liegt in einem Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt bezeichnet werden kann, viele der betreuten Familien leben von Hartz IV. Seit etwa einem Jahr werden hier auch Kinder aus geflüchteten Familien aufgenommen. Momentan besuchen ein Kind aus Afghanistan und drei Kinder aus Syrien die Einrichtung.

  

Die vier Kinder bringen sehr unterschiedliche Fluchterfahrungen mit: Während eines der Kinder aus einer gut situierten Familie stammt und vermutlich relativ komplikationsarm mit dem Flugzeug eingereist ist, zeigen zwei der anderen Kindern starke Folgen von traumatischen Erfahrungen nach einer etwa 1 1/2 –jährigen Flucht. Frau K. berichtete von deutlichen Entwicklungsverzögerungen, die sie auf die Erfahrungen der Flucht zurückführt. Beide Kinder hätten die Tendenz wegzulaufen, was den Alltag natürlich stark störe, vor allem bei der geringen vorhandenen personellen Besetzung. Außerdem würden beide Kinder immer wieder schreien und nicht auf die Erzieher hören. Schwierigkeiten im Alltag bereiteten vor allem die Sprache und das Essen.

  

Die anderen Kinder der Gruppe verstanden laut Angaben der Erzieherin zunächst zum Teil nicht, warum „die Neuen“ kein Deutsch sprachen oder sich „anders“ verhielten und machten sich darüber lustig. Hier bedürfe es ganz vieler Erklärungen, so Frau K.: „Da kommt es darauf an, wie wir das vermitteln!“ Ihrer eigenen Erfahrung nach hätten sich die Kinder aber nach der Erklärung ganz unvoreingenommen auf die neuen Kinder und deren Besonderheiten eingestellt. Die Kinder wären sehr verständnisvoll, würden sich um die Flüchtlingskinder kümmern und diese so annehmen wie sie sind. 

  

Als sehr positiv im Zusammenhang mit der Arbeit mit den Kindern mit Fluchterfahrungen erlebt Frau K. die große Solidarität zwischen den Kolleg_Innen. Alle würden sich mit um die Kinder kümmern und immer helfen, wenn „Not am Mann“ sei. Eine große Hilfe bedeute für die Kita eine zusätzliche pädagogische Fachkraft, welche in der Einrichtung angestellt ist und die zusätzliche Angebote mit den Kindern durchführen kann. Diese nehme sich zum Teil auch der geflüchteten Kinder an, sei aber grundsätzlich allein für die rund 100 Kinder zuständig und könne deshalb nur punktuell unterstützen.

  

Überhaupt spielte das Thema „Personalmangel“ eine große Rolle in dem Gespräch, viele Situationen des Alltags wären mit zusätzlichen Fachkräften viel einfacher zu handhaben. Gerade für den Anfang wäre eine 1:1-Betreuung ideal. Auch wenn dies wohl nicht machbar ist, wünscht sich Frau K. zusätzliche Unterstützung, vor allem durch qualifizierte Fachkräfte, um besser mit der besonderen Situation umgehen zu können. Sie betonte sehr stark, wie wichtig eine gute Ausbildung für den Umgang mit diesen Kindern sei, um sowohl das Beste für sie als auch für die anderen Kinder in der Einrichtung herauszuholen. Zusätzliche Hilfskräfte ohne professionelle Ausbildung würden keinesfalls ausreichen, um mit der besonderen Situation angemessen umgehen zu können.

  

Ich bat Frau K. um Tipps für andere Einrichtungen, die vor der Aufgabe stehen, Kinder mit Fluchterfahrungen aufzunehmen. Sie riet vor allem zu einem ausführlichen Aufnahmegespräch mit den Eltern und einem (professionellen) Dolmetscher. Hier sollten die Grundbedürfnisse erfragt werden, um den Einstieg in den Kita- Alltag zu erleichtern: Was dürfen die Kinder essen, was nicht? Wann wird zu Hause gegessen? Machen die Kinder Mittagsschlaf? Was brauchen sie zum Einschlafen? Können die Kinder schon alleine zur Toilette gehen?

  

Außerdem riet die Erzieherin dazu, sich nach Möglichkeit viel Zeit für die Eingewöhnung zu nehmen und sich auch zu trauen, feinfühlig wichtige Dinge über die Flucht zu erfragen, um mögliche Stresssituationen für die Kinder zu vermeiden. Sie empfahl außerdem, sich im Alltag immer wieder bewusst zu machen, was die Kinder für Erfahrungen gemacht haben könnten und welche Auswirkungen diese logischerweise auf deren Verhalten haben. Bestimmte Entwicklungsverzögerungen seien viel besser erklärbar und verständlich, wenn man sich bewusst mache, dass die Kinder auf ihrer Flucht keine Chance hatten, bestimmte Erfahrungen zu machen. Außerdem betonte sie, dass es sehr wichtig sei, dass das gesamte Team eng zusammenarbeite und über alles Bescheid wisse und so einen „gemeinsamen Weg“ gehe. Das bedeute auch für die Kinder eine gewisse Sicherheit und Orientierung. 

  

Und natürlich sei nicht alles schlecht, es gebe gerade in der Kommunikation auch sehr lustige Momente: Grundsätzlich funktioniere die Kommunikation „mit Händen und Füßen“ im Alltag recht gut. So ergab sich folgende Situation beim Mittagessen: Die syrischen Geschwister dürften aus religiösen Gründen eigentlich kein Schweinefleisch essen, zeigten aber immer wieder sehr deutlich, dass sie eigentlich sehr gern Fleisch essen wollen würden. Die Erzieherin hat einem der Jungen mit Händen und Füßen und typischen Schweinegeräuschen zu verdeutlichen versucht, dass er dieses Essen nicht essen dürfe, woraufhin er auf den Tisch zeigte, den Kopf schüttelte, grinste und sagte: „No chro chro chro! [2]“ Außerdem beschrieb Frau K., dass es vor allem die kleinen Momente seien, die gut tun: So zum Beispiel, wenn der kleine Junge sie zum ersten Mal beim Namen rufe. Oder wenn die Kinder voller Begeisterung im Wasser spielten und einem plötzlich bewusst werde, dass dies für sie etwas ganz Besonderes sein muss.

 

Ich bedanke mich für das Gespräch!

Inga Wiesemann


* Bitte beachten Sie, dass es sich hierbei nur um einen Einzelfallbericht handelt und dass die Erfahrungen in anderen Kitas ganz anders sein können. 

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