Interview

 

Interview mit Prof.'in Dr. Nadine Madeira Firmino

zum Thema Sprache und Bewegung

 

Prof. Dr. Nadine Madeira Firmino ist Sprachheilpädagogin (Dipl.) und Professorin an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf im Studiengang Kindheitspädagogik. Seit 2016 leitet sie dort das Lehrgebiet "Frühe sprachliche Bildung". Zuvor war sie acht Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung tätig. Ihre Arbeit- und Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Bewegung und Sprache, Mehrsprachigkeit, Alltagsintegrierte Sprachbildung sowie Beobachtung und Dokumentation von Entwicklungsprozessen.  

1. Welche Bedeutung haben Bewegungserfahrungen im Kontext des Spracherwerbs und worin bestehen Gemeinsamkeiten von Sprache und Bewegung? 

 

Als Zugang zu sprachlichen Bildungs- und Entwicklungsprozessen in der frühen Kindheit spielt Bewegung eine besondere Rolle. Bewegung ist die natürlichste, elementarste und erste Ausdrucksform von Kindern. Sowohl über Bewegung als auch über Sprache möchten sich Kinder mitteilen. Bewegungsaktivitäten stellen für Kinder einen Rahmen dar, in dem Sprechanlässen geschaffen, Dialoge angebahnt und Interaktionen aufgebaut werden können. Die Auseinandersetzung mit Bewegung als Medium zur Stärkung frühkindlicher Bildungsprozesse gehört damit zu den Querschnittsaufgaben der Institutionen des Elementarbereichs. 

 

2. Welche sprachlichen Ebenen/ Aspekte lassen sich in Kombination mit Bewegung besonders gut fördern? 

 

Im Rahmen einer bewegungsorientierten Sprachbildung steht nicht nur die Stärkung der linguistischen Kompetenzen - wie Wortschatz, Artikulation und Grammatik -, im Vordergrund, sie verfolgt auch eine ganzheitliche Perspektive auf den Spracherwerb und umfasst somit alle Sprachbereiche. Insbesondere Kinder, die die deutsche Sprache als Zweit- oder Drittsprache erwerben, profitieren von bewegungs- und handlungsorientierten Zugängen zur Sprache. So können sie zum Beispiel auf ihren bestehenden sprachunabhängigen Kompetenzen aufbauen und sich über ein Medium ausdrücken, in dem sich sich sicher fühlen. 

 

3. Wie können Sprache und sprachliche Bildung aus (Ihrer) Forschungssicht durch Bewegung gefördert werden? 

 

Im Rahmen eigener Forschungsprojekte konnten wir aufzeigen, dass besonders Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren sowie Kinder, die mit einer anderen Erstsprache aufwachsen, von einer bewegungsorientierten sprachlichen Förderung profitieren. Am Beispiel von Late-Talkern wurde deutlich, wie wichtig ein non-verbaler Zugang über Bewegung als Brücke in die Welt der Sprache ist (Madeira Firmino, 2015). Neben dem Erwerb von Präpositionen konnte auch ein weiterer Anstieg im Bereich der semantisch-lexikalischen Kompetenzen bei Verben verzeichnet werden. Als ein weiterer wichtiger Indikator hat sich - wie bei anderen Untersuchungen zur alltagsintegrierten Sprachförderung auch - das parental involvement herausgestellt. Bei den Kindern, bei denen zusätzlich zu den pädagogischen Fachkräften die Familien in das Konzept der bewegungsorientierten Sprachförderung involviert waren, konnten die größten Zuwächse im Bereich des Wortschatzes und der Grammatik verzeichnet werden. Weitere Studien (Zimmer, 2008; Madeira Firmino et al. 2014; Erhorn, 2016) verdeutlichen, dass bewegungsorientiertes Handeln eine gezielte reflektierte, aber gleichzeitig lustvoll und zwanglose Unterstützung der sprachlichen Fähigkeiten von Ü3-Kindern ermöglicht. 

 

4. Welche Möglichkeiten haben pädagogische Fachkräfte sprachliche Bildung durch Bewegung in ihren/ den Kita-Alltag zu integrieren? 

 

Eine bewegungsorientierte Sprachbildung kann den gesamten sprachlichen Alltag der Kindertageseinrichtungen durchziehen und nutzt - statt vorgegebener Materialien und festgelegter Zeiten - alltägliche Situationen, um sprachbewusste und sprachbildende Prozesse anzuregen. Zentral ist dabei, dass ich mein eigenes sprachliches Handeln stets im Blick habe, um beispielsweise gezielte Sprachbildungsstrategien (u.a. Expansion/Extension, sustained shared thinking, korrektives Feedback) anzuwenden und/oder Anlässe für Inputspezifizierungen zu schaffen. So werden Sprachanlässe, die sich zum Beispiel beim Anziehen, im Freispiel bei Bewegungsaktivitäten oder beim Vorlesen ergeben, aufgegriffen und sprachanregend gestaltet. Um konkrete Bereiche der sprachlichen Entwicklung zu fördern, können dafür häufig einfach altbekannte Kinderspiele aufgegriffen und modifizierte werden. So kann beispielsweise der Klassiker "Feuer, Wasser, Sturm" umgewandelt werden in "Haus, Maus, Klaus, Raus" - Es bleibt ein beliebtes Bewegungsspiel, nur wurden die Kommandos geändert in sogenannte Minimalpaare - Wörter die sich nur in einem Laut unterscheiden - und somit kann es gleichzeitig der Förderung der phonologischen Bewusstheit dienen. 

Zusammenarbeit mit Familien -

Online-Umfrage

  

Prof.'in Nadine Madeira Firmino und Carolin Machens (Universität Osnabrück) haben das LakoS um Unterstützung bei der Erforschung zur Zusammenarbeit mit Familien und pädagogischen Fachkräften in Kitas (v. a. zur sprachlichen Bildung) gebeten.

 

Um diese Forschung zu unterstützen, haben wir gemeinsam eine Online-Umfrage erstellt. Sie ist anonym und dauert ca. 10-20 Minuten. Damit auch sächsische Kindertageseinrichtungen ihre Erfahrungen, Sichtweisen und Bedarfe einfließen lassen können, würden wir uns freuen, wenn Sie diese Forschung unterstützen und teilnehmen. Es können natürlich auch Fachkräfte aus anderen Bundesländern teilnehmen!  

 

Hier geht es zur Umfrage:

https://www.soscisurvey.de/Perspektiven_paedFK/

 

Literatur:

 

Erhorn, J. (2016). Sprachförderung durch Bewegung. In Erhorn, J., Schwier, J. & Hampel, P., Bewegung und Gesundheit in der Kita (S. 175-201). Bielefeld: transcript.

 

Madeira Firmino, N., Menke, R., Ruploh, B. & Zimmer, R. (2014). Bewegte Sprache im Kindergarten: Überprüfung der Effektivität einer alltagsorientierten Sprachförderung. Forschung Sprache, 2 (1) 34–47.

 

Madeira Firmino, N. (2015). Bewegungsorientierte Sprachbildung in der frühen Kindheit. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

 

Zimmer, R. (2008): Sprache und Bewegung. In W. Schmidt (Hrsg.), Zweiter Deutscher Kinder und Jugendsportbericht (S. 255–276). Schorndorf: Hofmann.

Weiterführende Literatur: 

 

Kuhlenkamp, S. (2011). Bewegte Sprache – Psychomotorische Perspektiven in Forderung, Therapie, Bildung. Lemgo: AKL.

 

Madeira Firmino, N. & Zimmer, R. (2019). Bewegung und Sprache – Sprachbildung bewegt gestalten. In: A. Voss (Hrsg.). Bewegung und Sport in der Kindheitspädagogik. Ein Handbuch (S. 127-137). Stuttgart: Kohlhammer.

 

Madeira Firmino, Nadine (2020). Sprache und Bewegung in der frühen Kindheit. In: J. Erhorn, J. Schwier & B. Brandes (Hrsg.), Bewegung – Spielraum für Bildung (59-72). Bielefeld: transcript Verlag. 

 

Zimmer, R. (2010): Handbuch Sprachförderung durch Bewegung. Freiburg: Herder.

Weitere Informationen: 

 

Video zu den Arbeitsfeldern von Kindheitspädagogen 

https://www.youtube.com/watch?v=PF52EBqshuw

 

Link zum Studium der Kindheitspädagogik

Kindheitspädagogik, B.A. Vollzeit - Fliedner Fachhhochschule (fliedner-fachhochschule.de)

 

 

 

News

Das Landeskompetenzzentrum zur Sprachförderung befindet sich in Trägerschaft des Vereins zur Förderung von Sprache und Kommunikation e. V. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.