Interview

 

 

Interview mit Theresa Lill zum Thema Selbstwirksamkeit

 

 

Theresa Lill (M. A.) ist Pädagogin, Autorin und Fachreferentin mit den Schwerpunkten frühkindliche Entwicklung, Beobachtung und Dokumentation. Sie ist u. a. Co-Autorin des Buchs „Dialogisches Portfolio. Alltagsintegrierte Entwicklungsdokumentation“, in dem die Bedeutung von Portfolio-Gesprächen für die Selbstwirksamkeit des Kindes thematisiert wird. Zudem ist sie Mit-Gründerin der QiK Online-Akademie, die umfassende Online-Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte anbietet.


 

1. Wie entwickelt sich die Selbstwirksamkeit im Laufe des Lebens?

Kinder erfahren schon sehr früh Selbstwirksamkeit. Das passiert dann, wenn sie entdecken, dass sie mit dem eigenen Verhalten das Verhalten Anderer beeinflussen können. Ein einfaches Beispiel dafür ist: Das Kind schreit und daraufhin kommt ein Elternteil. Ein wenig später merken die Kinder, wie Erwachsene (oder auch ältere Kinder) reagieren, wenn man bestimmte Handlungen durchführt. Man denke bspw. an die Begeisterung der Eltern, wenn das eigene Kind zum ersten Mal „winkt“. Das Kind erfährt, dass sein eigenes Verhalten etwas in seiner Umgebung auslöst. Zu diesem Zeitpunkt kann es diese Reaktionen noch nicht nachvollziehen, ist aber zutiefst fasziniert von diesem Gefühl. Darum wiederholen Kinder Handlungen, auf die sie Resonanz erfahren immer wieder.

 

Später können Kinder die Reaktionen ihres Umfeldes besser einordnen und in einen kausalen Zusammenhang zu ihrem eigenen Verhalten stellen. Weiterhin sind aber die Reaktionen, vor allem von Bezugspersonen, wichtig für die Kinder, um eigenes Verhalten einzuordnen. Hier geht es um Fragen wie: „Habe ich das gut gemacht?“ Viele Kinder holen in dieser Phase aktiv Feedback ein: „Schau mal!“ - egal, ob es um ein gemaltes Bild, einen selbst gebauten Turm oder das Erreichen der höchsten Sprosse auf dem Klettergerüst geht. Die Kinder sind stolz auf die eigene Leistung, benötigen aber noch die Bestätigung, dass dieses Gefühl gerechtfertigt ist und andere genauso empfinden.

 

Das positive Feedback bleibt ein Leben lang wichtig für die Selbstwirksamkeit eines Menschen. Wenn man im Laufe seines Lebens viele Rückschläge erlebt oder vielen negativen Reaktionen ausgesetzt ist, dann kann man schnell ins Zweifeln geraten, unsicher werden und den Mut verlieren. Ebenso sollte man sich selbst sein Leben lang immer wieder größeren oder kleineren Herausforderungen stellen, damit man weiterhin positive Erlebnisse hat, in denen man sich selbstwirksam erlebt.

 

 

2. Inwiefern sind Selbstwirksamkeitserfahrungen und -erwartungen bedeutsam für die kindliche Entwicklung?

Gerade bei kleinen Kindern sind frühe Selbstwirksamkeitserfahrungen besonders wichtig, da sie zunächst einmal völlig fremdbestimmt sind. Sie können nicht selbst entscheiden, wann es etwas zu essen gibt, wann sie auf den Arm genommen, ins Bett gelegt oder gewickelt werden. Erste Selbstwirksamkeitserfahrungen bedeuten für das Kind zu erkennen, dass sie ihrer Umgebung nicht vollkommen ausgeliefert sind, sondern auch selbst etwas bewirken und/oder gestalten können. Diese frühen Selbstwirksamkeitserfahrungen bilden die Grundlage für die Entwicklung von Autonomie und einer eigenen Identität.

 

 

3. Wie kann das Selbstwirksamkeitsempfinden von Kindern in pädagogischen Kontexten gestärkt werden? 

Grundvoraussetzung für die Entwicklung der Selbstwirksamkeit sind eigene Erfahrungen des Kindes. Denn mit jeder Erfahrung lernt es, seine Fähigkeiten besser einzuschätzen. Für Selbstwirksamkeitserfahrungen ist es bedeutend, dass das Kind das Gefühl hat, etwas „geschafft“ zu haben. Das umfasst die Erfahrung, dass es sich lohnt, sich anzustrengen, um seine Ziele zu erreichen.

 

Um die Selbstwirksamkeit eines Kindes gezielt zu stärken, ist es hilfreich, das Prinzip der erlernten Hilflosigkeit zu kennen. Die erlernte Hilflosigkeit ist das Gegenteil von Selbstwirksamkeit und stellt sich ein, wenn sich ein Kind nie Herausforderungen gegenübergestellt sieht. Das passiert, wenn Erwachsene versuchen, möglichst alle Probleme von einem Kind fernzuhalten und Konflikte für das Kind zu lösen. Dadurch kann das Kind nicht lernen, Lösungsstrategien zu entwickeln und dass es Dinge allein schaffen kann. Außerdem helfen kleine Rückschläge, mit Frustration besser umzugehen. Diese Erfahrung ist wichtig, um in Krisensituationen nicht völlig gelähmt zu sein, sondern zu wissen, dass es Lösungen und Auswege gibt, die es nur zu finden gilt.

 

Pädagogische Fachkräfte sollten darum Kindern die Möglichkeit geben, eigene Erfahrungen zu machen – auch wenn diese ab und an mit Frust und Ärger seitens der Kinder verbunden sind. Natürlich werden die Kinder dabei nicht allein gelassen. Als pädagogische Fachkraft steht man ihnen unterstützend zur Seite. Wenn man merkt, dass ein Kind an einer Stelle nicht weiterkommt, kann man ihm gezielt Impulse geben, um selbst auf eine Lösung zu kommen.

 

Ein weiterer Aspekt, um die Selbstwirksamkeitserfahrungen der Kinder zu unterstützen, ist die aktive Rückmeldung. Das heißt, dem Kind – auf welche Art auch immer – zu signalisieren: Ich sehe dich, ich sehe was du machst, du und deine Handlungen haben Relevanz! Hierfür ist das Gespräch mit dem Kind über seine Erfahrungen und Handlungen besonders geeignet.

 

 

4. Wie können Dialoge gestaltet werden, damit sich Kinder in ihrem Sprachhandeln als selbstwirksam erleben?

Zunächst sollte man darauf achten, dass es sich wirklich um einen Dialog, also ein Gespräch handelt, bei dem beide Gesprächspartner zu Wort kommen. Ein Lob im Sinne von „Super! Toll! Klasse!“ mag zwar gut gemeint sein, fördert jedoch die Selbstwirksamkeit des Kindes nicht. Förderlicher sind hier inhaltliche, wertschätzende Rückmeldungen, die sich konkret auf die Handlungen des Kindes beziehen. So kann das Kind einen Bezug zu dem, was es geleistet hat herstellen.

 

Offene Fragen helfen dabei, ein Gespräch mit dem Kind aufzubauen, in dem das Kind über das eigene Handeln reflektiert. Ein kleines Beispiel: Milan hat ein großes Bauwerk geschaffen. Die pädagogische Fachkraft fragt nun: „Das ist ja toll! Hast du das gemacht, Milan?“ Milan erhält zwar Rückmeldung, die Frage wird er aber nur abnicken und damit ist das „Gespräch“ beendet. Eine andere Möglichkeit der Gesprächseröffnung wäre: „Was hast du denn da gebaut, Milan?“ Hier ist Milan nun aufgefordert zu erzählen, was er gebaut hat, was seine Gedanken dabei waren. Im weiteren Verlauf fragt die Fachkraft: „Und wie hast du das gemacht?“ Milan fängt daraufhin an, sein Vorgehen zu reflektieren. Durch solch ein Gespräch kann Milan bewusst werden, was er geschafft hat und wie er es geschafft hat. Dies verleiht ihm Sicherheit und Selbstvertrauen für weitere Vorhaben. Durch gezielte Rückfragen kann man dem Kind helfen, die eigenen Gedanken zu sortieren und Wörter zu finden, um diese auszudrücken.

 

 

5. Wie kann man insbesondere Kinder mit sprachlichen Schwierigkeiten oder Kinder, die noch nicht viel Kontakt zur deutschen Sprache hatten, in ihrem Selbstwirksamkeitserleben unterstützen?

Hier rücken die nonverbalen Kommunikationsdimensionen Mimik und Gestik noch weiter in den Vordergrund. Über ihre Körperhaltung und ihre Blicke können pädagogische Fachkräfte dem Kind signalisieren, dass sie aufmerksam und interessiert sein Handeln beobachten. Dadurch fühlt es sich gesehen und erfährt Wertschätzung. Wenn man sich gemeinsam mit einem Kind im Moment über ein Erlebnis freut, verstärkt man dessen positives Empfinden. Und selbstverständlich kann man die Handlungen der Kinder trotzdem sprachlich begleiten (handlungsbegleitendes Sprechen). Es hilft, auf Dinge zu zeigen, um eine gemeinsame Basis aufzubauen. Nehmen wir an, Milan, aus dem vorangegangenen Beispiel, kann nur wenig sprechen. Die pädagogische Fachkraft kommt zu ihm und nimmt Blickkontakt auf. Sie deutet und blickt auf das Bauwerk, schaut zurück zu Milan und deutet auf ihn und fragt: „Hast du das gebaut?“ (Triangulieren) Durch die Gesten und die fragende Stimmmelodie kann Milan den Zusammenhang herstellen. Die Basis für den Austausch ist geschaffen. Milan nickt und deutet auf einen Part seines Hauses. „Was ist das? Was hast du da gebaut?“ … Vielleicht zeigt Milan, was er gemacht hat anhand von Bildern in einem Bilderbuch. Vielleicht hat er auch etwas aus dem Garten nachgebaut? Die Möglichkeiten sind vielfältig. Wenn sich pädagogische Fachkräfte auch hier auf das Gespräch einlassen und gemeinsam mit dem Kind auf die Suche nach Antworten begeben kann auch hier ein wertvoller Dialog entstehen.

 

Im Übrigen stärken auch positive Vorbilder die Selbstwirksamkeit eines Kindes. Wenn man als pädagogische Fachkraft bei der Bewältigung schwieriger Aufgaben Mut zeigt, macht dies dem Kind deutlich, dass Selbstvertrauen Sicherheit gibt.

Falls Sie noch mehr zum Thema erfahren möchten: In diesem Video stellt Theresa Lill vor, wie Selbstwirksamkeit in der Portfolioarbeit erlebt und unterstützt werden kann.

News

Das Landeskompetenzzentrum zur Sprachförderung befindet sich in Trägerschaft des Vereins zur Förderung von Sprache und Kommunikation e. V. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.