Interview

Zur Fachberatung im Bundesprogramm Sprach-Kitas
... oder: Wie findet das Thema "Sprache" den Weg in die Kita? 

Sie sind Fachberaterin im Bundesprogramm „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“. Können Sie kurz beschreiben, worum es in dem Projekt geht?

 

Christine Steinmetzer: Neben den drei Schwerpunkten (Alltagsintegrierte Sprachbildung, Inklusive Pädagogik sowie Zusammenarbeit mit Familien) verfolgt das Projekt das Ziel, Kindertageseinrichtungen mit Hilfe von zusätzlichen Fachkräften sowie der Unterstützung durch Fachberater/-innen in ihrer Qualitätsentwicklung und -sicherung zu begleiten und unterstützen.Dabei wird ein besonderes Augenmerk darauf gelegt, dass sich die sprachliche Bildung an alle Kinder der Einrichtungen richtet, um ihnen somit frühe Chancen für einen erfolgreichen Bildungsweg zu gewährleisten.

 

Katharina Windrich: Das Bundesprogramm hat zum Ziel, die alltagsintegrierte sprachliche Bildung aller Kinder in einer Kindertageseinrichtung zu verbessern.  Dazu steht jeder Kita eine zusätzliche Fachkraft für Sprache für 19,5 h pro Woche zur Verfügung (ab 160 Kinder je Kita steht eine volle VZÄ zur Verfügung). Diese zusätzliche Fachkraft hat die Aufgabe, in enger Zusammenarbeit mit der Kita-Leitung, das Kita-Team hinsichtlich der alltagsintegrierten sprachlichen Bildung, der inklusiven Pädagogik und der Zusammenarbeit mit Familien zu begleiten, Handlungsstrategien aus- bzw. aufzubauen und weiterzuentwickeln. Ein besonderer Schwerpunkt liegt zudem auf der Reflexionsebene. Es wird der Fragestellung nachgegangen, was den pädagogischen Fachkräften hinsichtlich der Schwerpunktsetzung schon gut gelingt und wie sie das geschafft haben. Diese Reflexionsprozesse dienen der fortlaufenden Qualitätssicherung sowie der Qualitätsentwicklung innerhalb der Kita.

 

Was sind Ihre Aufgaben? 

 

KW: Fachlich begleitet werden die Fachkräfte für Sprache, die Kita-Leitung und die Kita-Teams durch eine zusätzliche Fachberatung. Diese übernimmt die fachlichen Schulungen für die sogenannten „Tandems“ (bestehend aus Kita-Leitung und Fachkraft für Sprache), eine intensive Begleitung im Prozessverlauf sowie eine regelmäßige Reflexion angestrebter Ziele. Als zusätzliche Fachberatung stehe ich allen Akteuren innerhalb des Bundesprogramms zur Verfügung. Dabei besuche ich zirka aller 8 Wochen (bei Bedarf auch öfter) die Kita-Tandems vor Ort und nehme 2-3 mal jährlich an ausgewählten Teamberatungen teil. Netzwerktreffen mit den Fachkräften für Sprache finden ebenso regelmäßig statt wie die Schulungen für die Tandems. Mehrmals im Jahr führen wir außerdem sogenannte Verbundtreffen mit allen Beteiligten (auch der Fachberatung des Trägers) durch.  

 

CS: Als Fachberaterin ist es meine Aufgabe, meinen Verbund, bestehend aus 12 Kindertageseinrichtungen unterschiedlicher Träger, bei der Umsetzung der Projektschwerpunkte zu beraten und zu unterstützen. Dazu gehören neben individuellen Einrichtungsbesuchen auch die Organisation von Netzwerktreffen und Fachaustausch sowie die Schulung der Tandems, bestehend aus Leitung und zusätzlicher Fachkraft. 

 

Um eine „Sprach-Kita“ zu sein, muss man aber nicht unbedingt am Bundesprogramm beteiligt sein. Auch Kitas, die nicht am Projekt teilnehmen, können sich auf den Weg machen, sich im Bereich sprachliche Bildung zu sensibilisieren und weiter zu qualifizieren.  Haben Sie Tipps oder Hinweise für solche Einrichtungen? 

 

CS: Ein erster wichtiger Schritt für die Einrichtung ist eine gute Analyse der Ausgangssituation. Welche Ressourcen stehen dem Team zur Verfügung, was versteht das Team unter alltagsintegrierter Sprachbildung und was wird im Einzelnen in diesem Bereich bereits umgesetzt. Ausgehend davon lassen sich dann passgenau Ziele erarbeiten und Handlungsschritte für den Alltag konzipieren. Für diese Ist- Analyse können Einrichtungen Reflexionsfragen oder Checklisten zu Qualitätskriterien im Bereich der kommunikativen Bildung nutzen.

 

KW: Zu empfehlen ist, dass das Team in eine Reflexionshaltung im Umgang mit der eigenen Sprache eintritt. Einfacher ausgedrückt würde die Frage lauten: Bin ich als pädagogische Fachkraft ein gutes Sprachvorbild? Hier können sich Kolleginnen und Kollegen auch gegenseitig hilfreich sein, indem sie sich wechselseitig Feedbacks geben. Dazu braucht es nicht viel, außer der Idee, als Mensch wie als päd. Fachkraft nicht perfekt zu sein. Erst durch das Aufnehmen und Anerkennen der Sichtweisen anderer kann ein Veränderungsprozess in Gang kommen. Dies setzt meine ganz persönliche Bereitschaft voraus. Würde an dieser Stelle noch die Videografie zum Einsatz kommen (hierbei sieht und erlebt sich die päd. Fachkraft in ihrem eigenen Handeln und Sprechen) könnte die päd. Fachkraft zusätzlich noch ganz eigene persönliche Rückschlüsse ziehen. 

Weiterhin sind einrichtungsübergreifende Fachaustausche zu Themen alltagsintegrierter sprachlicher Methoden, der Sprachentwicklung oder auch der Mehrsprachigkeit empfehlenswert.

 

Brauchen Einrichtungen beispielsweise eine zusätzliche Fachkraft um Sprachbildung in der Kita zu machen? 

 

KW: Diese Frage hat es in sich! Theoretisch Nein! Alle pädagogischen Fachkräfte können, dürfen, müssen und sollen gute Sprachbildungsarbeit für alle Kinder leisten. Jedoch wissen wir um die zeitlichen Ressourcen der pädagogischen Fachkräfte. Diese sind eng bemessen. Um sich jedoch geeignetes Sprachmaterial anzuschaffen, um es hinreichend kennenzulernen und anzuwenden, bedarf es, sich Zeit dafür zu nehmen. Daher finde ich es hilfreich, dass zusätzliche Fachkräfte über eine gewisse Zeit Kita -Teams begleiten und sowohl Sprachbildungswissen als auch Sprachbildungs-materialien an das Team herantragen und den Umgang damit aufzeigen sowie die Erfolge reflexiv aufgreifen. Im Rahmen eines solchen Programms muss die Nachhaltigkeit gesichert sein damit Erfolge und Veränderungen längerfristig bewahrt bleiben und auch ohne zusätzliche Fachkraft für Sprache angewendet werden. 

 

CS: Nein. Wenn ein Team sich gemeinsam auf den Weg macht, den Schwerpunkt alltagsintegrierte Sprachbildung zu qualifizieren und zu vertiefen, braucht es keine zusätzliche Fachkraft für Sprache, sondern gute Absprachen untereinander, wer welche Aufgaben übernimmt und wann diese reflektiert und dokumentiert werden. Dabei ist die Einrichtungsleitung eine Schlüsselperson, da sie sowohl den strukturellen als auch den pädagogischen Rahmen steckt.

 

Welche Ressourcen wären hilfreich? 

 

CS: Als besonders hilfreich hat es sich erwiesen, die Aufmerksamkeit in der Einrichtung auf möglichst einen Schwerpunkt für eine gewisse Zeit zu legen. So können Fortbildungstage und pädagogische Tage sich mit dem Thema beschäftigen und Dienstberatungen anteilig für die Multiplikation der Inhalte genutzt werden. Auch der Einbezug der Eltern und der Fachberatung als Unterstützung für die Umsetzung einzelner Arbeitsschritte ist sinnvoll und hilfreich.

 

KW: Um Veränderungen herbeizuführen, brauchen das Kita-Team und die päd. Fachkraft zum einen vielfältiges Hintergrundwissen, zum anderen muss ein direkter Zusammenhang zu ihrer alltäglichen praktischen Arbeit bestehen. Es ist wenig sinnvoll, eine Inhouseschulung zum Thema Mehrsprachigkeit anzubieten, wenn es in der Kita nicht ein mehrsprachiges Kind gibt. Erst durch den direkten Bezug wecken wir das Interesse der päd. Fachkräfte. Neu Gelerntes muss durch praktisches Tun umgesetzt werden, um im Anschluss mit den gemachten Erfahrungen in einen Reflexionsprozess einzutreten. Dieser Prozess kann auch als Kreislauf verstanden werden:

  

 

 Abb. 1[1]

 

 

Als unerlässliche Ressource sehe ich daher die Wissensaneignung durch Schulungen und/oder Fortbildungen, Reflexionsprozesse innerhalb des Teams/ der Teammitglieder durch kollegiale Beratung und kollegiales Feedback sowie externe Reflexion durch Fachberatung, kollegiale Fallberatung und Supervision.

 

Woher bekommen Einrichtungen das nötige Hintergrundwissen?

 

KW: Sachsenweit, jedoch auch bundesweit, stehen vielfältige Fortbildungsträger zur Verfügung. Diese können als Inhouse-Schulung eingekauft werden oder aber einzelne päd. Fachkräfte nehmen an externen Schulungen teil und tragen die Ergebnisse ins Team. Zu nennen wären hier unter anderem: Kita Bildungsserver, Fachzeitschriften, Pädagogik Filme, Fachveranstaltungen, Fachdialoge, Konsultationskitas, Fachberatung etc. 

Auch Onlineplattformen (wie im Bundesprogramm „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“) können eine gute Unterstützungsmöglichkeit sein, jedoch sollte es für die Nutzung mind. einen Ansprechpartner für die päd. Fachkräfte geben, der die Inhalte kennt und der dem jeweiligen Team/der jeweiligen päd. Fachkraft zusätzliche Hinweise geben kann.

 

CS: Eine erste wesentliche Grundlage sind die Bildungsempfehlungen der Länder. Diese geben wichtige Hinweise zur Umsetzung von Sprachförderung und Sprachbildung in den Kindertageseinrichtungen. Darüber hinaus können die pädagogischen Fachkräfte im Rahmen von Weiterbildungen ihr Wissen vertiefen.

 

Gibt es Ansprechpartner zum Thema, an die sich Einrichtungen wenden können? 

 

CS: Ein guter Ansprechpartner ist die Fachberatung der Einrichtung. Aber auch die aktuell im Programm „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“ arbeitenden Kindertageseinrichtungen sind gute Anlaufstellen, um sich Tipps und Ratschläge zu holen. Des Weiteren gibt es auch die Konsultationseinrichtungen des DJI, die sich besonders im Altersbereich U3 auf sprachliche Bildung spezialisiert haben.

 

KW: Innerhalb des Trägers, der Stadt Chemnitz, können sich die Einrichtungen an ihre zuständige Fachberatung und Qualitätsmanagerin wenden oder die Kitas, welche im Bundesprogramm sind, auch an die zusätzliche Fachberatung.

 

Wie finden Einrichtungen passende Fortbildungen und Anbieter?  Welche Fortbildungsinhalte sind wichtig, um sich für den Bereich gut aufzustellen? 

 

CS: Gern beraten wir im LakoS Interessierte zur Fortbildungen und Anbietern und vermitteln bei Bedarf passende Referenten. Für den Anfang sollten Teams sich mit der sprachlichen Entwicklung von Kinder beschäftigen, Methoden alltagsintegrierter Sprachbildung erarbeiten, Aspekte von Literacyentwicklung kennen und ein genaues Augenmerk auf Möglichkeiten der Beobachtung und Dokumentation von Sprachbildungsprozessen legen. Darüber hinaus spielt eine sprach- und kommunikationsanregende Lernumgebung eine wichtige Rolle und auch die Themen Inklusion und Zusammenarbeit mit Familien stellen wichtige Schnittstellen zur sprachlichen Bildung aller Kinder einer Kita dar.

 

KW: In allen kommunalen Kindertageseinrichtungen der Stadt Chemnitz findet das interne Qualitätsentwicklungsverfahren >QuiK< Anwendung. Die Qualitätsentwicklung wird als Teamprozess verstanden und liegt in der Verantwortung der Einrichtungsleitung. Die Einrichtungen arbeiten dabei mit dem Nationalen Kriterienkatalog und dem dazugehörigen Handbuch von PädQUIS. Dieser umfangreiche Kriterienkatalog beinhaltet auch die Qualitätsbereiche Sprache, Mehrsprachigkeit und Bilinguale Erziehung sowie die Zusammenarbeit mit Familien. Mit Unterstützung der Checklisten für die 20 Qualitätsbereiche können die Einrichtungen in der Phase der fachlichen Orientierung die einzelnen Bedarfe innerhalb der Einrichtung bestimmen. Anschließend können anhand der Bedarfe externe Fortbildungsträger zu den jeweiligen Inhalten angefragt werden.

 

Welche Materialien oder Bücher können Einrichtungen nutzen? 

 

KW: Materialien und Bücher stehen in vielfältiger Weise zur Verfügung.  So werden in unseren Sprach-Kitas beispielsweise sehr gern die Rollbilder der vier Jahreszeiten, das Erzähltheater Kamishibai oder auch mehrsprachige Bilderbücher als Sprachanlass verwendet. Buchbestände der Kita sind kritisch zu prüfen hinsichtlich des Vorhandenseins und der Qualität. Gelingt es uns, mit den Materialien Sprache anzuregen? Bieten wir den Kindern durch die Bücher vielfältige Sprachanlässe an? Welche Bücher stehen den Kindern zur Verfügung und was können die Kinder darin entdecken? Welche Stereotype unterstützen wir vielleicht mit den Materialien und welche Bücher braucht es, um Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen zu lassen, die von Toleranz und Akzeptanz geprägt ist? Diesen und ähnlichen Fragen muss das Kita-Team nachgehen. Hierfür finden sich auf der Internetseite www.fruehe-chancen.de zahlreiche Anregungen für die alltägliche Kita-Praxis. 

Neben den Materialien für Kinder stehen ebenso Fachbücher, Fachzeitschriften, Pädagogische Filme etc. für die pädagogischen Fachkräfte zur Verfügung. Insbesondere um die Qualität innerhalb der Kita zu verbessern, müssen sich jedes Team und jeder Träger u.a. mit Veränderungsprozessen auseinandersetzten. Dazu braucht es einen kritischen, prüfenden Blick, der von der Frage begleitet ist: „Leisten wir das, was wir leisten können?“

 

Haben Sie noch einen abschließenden Tipp?

 

CS: Um alltagsintegrierte Sprachbildung in Kindertageseinrichtungen gut zu etablieren, braucht es oftmals keine große Zauberei und endlose Ressourcen, sondern ein genaues Wahrnehmen und feinfühliges Beobachten der vielen, häufig kleinen und unscheinbaren Kommunikationsangebote von Kindern an die Fachkräfte. Diese aufzugreifen und in gemeinsamen Dialogen weiterzuführen ist das Fundament der sprachlichen Bildung in der Kita.

Ich kann also nur alle Kindertageseinrichtungen einladen, die „Sprachbrille“ aufzusetzen und bereit für die wundersamen Momente der kommunikativen Entwicklung von Kindern zu sein.

 

KW: Ja. Lasst uns die Kinder so annehmen, wie sie zu uns kommen! Fröhlich, neugierig, schüchtern, verängstigt, laut, still, zaghaft, temperamentvoll. Lasst uns ihr Wesen entdecken und es mit viel Zuwendung zum Erblühen bringen.  Dort wo Sprache (noch) fehlt, lasst unsere Herzen und Körper sprechen. Geben wir den Kindern die Erfahrung, gewollt und wertvoll zu sein. Ab dem Moment, in dem sie die Kita betreten, bauen wir Beziehung; schaffen wir Verständigung. Und in Momenten des Zweifelns und nicht mehr weiter Wissens hilft mir das Zitat von Antoine de Saint-Exupery: Man sieht nur mit dem Herzen gut!

 



[1] Veränderungsprozesse innerhalb der Kita – K. Windrich

 

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Das Landeskompetenzzentrum zur Sprachförderung befindet sich in Trägerschaft des Vereins zur Förderung von Sprache und Kommunikation e. V. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.