5. Leipziger Frühjahrssymposium Sprache & Kommunikation

am 29. April 2016

 

 

Vielfalt unter einem Dach

 Mehrsprachigkeit und Interkulturalität in der Kita

 

Abstracts

Vorträge

Dr. Galina Putjata:

Happylingual - Mehrsprachige Kindesentwicklung und Impulse für die Praxis

 

Mehrsprachigkeit als Ressource, Vielfalt als Chance - Diese äußerst positive Einstellung erleben wir immer mehr in den öffentlichen Diskursen. Doch ist das so? Damit das Thema nicht zum Politikum wird, ist neben der positiven Einstellung auch das ganz praktische Können im täglichen Umgang mit sprachlicher Vielfalt unabdingbar. Der Vortrag bietet zunächst einen wissenschaftlichen Einblick in die mehrsprachige Kindesentwicklung aus der kognitiven, sozialen und emotionalen Perspektive anhand von Alltagsbeispielen. Abschließend werden erste Impulse für die KiTa-Praxis besprochen.

 

 

Prof. Timm Albers:

"Es sind einfach Kinder..." - FrühpädagogischeAngebote für Kinder mit Fluchterfahrungen

 

Kinder mit Fluchterfahrung haben ab Vollendung des ersten Lebensjahres nach Zuweisung zu einer Kommune das uneingeschränkte Recht auf Bildung, Betreuung und Erziehung. Dies stellt Kommunen, Träger und Fachkräfte vor große Herausforderungen. Für die Kinder selbst ist das Angebot der Kindertagesbetreuung eine große Chance für die Bildung, Entwicklung und Sozialisation. Auf der anderen Seite führt jedoch die aktuelle Situation auch zu einer wachsenden Anzahl von Kindern in Kindertageseinrichtungen, die mit Unsicherheiten, Belastungen und schwierigen Lebensbedingungen konfrontiert wurden. Auch treffen die Kinder und Familien ohne Kenntnisse in der Umgebungssprache Deutsch auf ein ihnen unbekanntes Bildungssystem, was mit besonderen Anforderungen sowohl für die Kinder selbst, als auch für die frühpädagogischen Fachkräfte einhergeht.

Die Aussage "Es sind einfach Kinder..." entstammt einer Gruppendiskussion mit Fachkräften, die ihre Erfahrungen im Umgang mit Kindern mit Fluchterfahrung im Rahmen eines laufenden Forschungsprojekts geäußert haben. Dabei wird deutlich, dass Kinder trotz der fluchtbedingten Belastungen und möglichen Traumatisierungen zunächst ein großes Interesse am freien Spiel und der sozialen Interaktion zeigen, ebenso wie andere Kinder auch. Gleichzeitig werden von den Fachkräften aber auch erhöhte Anforderungen geäußert, wenn es um die Zusammenarbeit mit der Familie, sprachbedingten Barrieren oder Material für die frühpädagogische Praxis geht.

Im Vortrag sollen zunächst die Argumentationslinien inklusiver und interkultureller Pädagogik zusammen geführt werden, um Perspektiven für die Frühpädagogik zu entwickeln. Auf der Grundlage erster Ergebnisse zur Praxis mit Kindern mit Fluchterfahrung sollen dann Chancen und Anforderungen für im Umgang mit Kindern und ihren Familien diskutiert werden.

 

Workshops

1) Dr. Christiane Hofbauer:

Literacy und Mehrsprachigkeit -  Sprachen und Kulturen in Bilderbüchern

(sich wiederholender, einstündiger Workshop)

 

  

Mit Bilderbüchern kann Sprache sehr wirkungsvoll gefördert werden. Bilderbücher sind aber auch kulturabhängig: Manche Kulturen kennen gar keine Bilderbücher (dort wird oft frei erzählt), andere haben für uns fremde Abbildungen und Geschichten. Selbst die Sprache wirkt sich auf die Gestaltung des Buches aus. Zudem gibt es immer mehr Bilderbücher, die Kultur- und Sprachunterschiede zum Thema haben. Im Workshop sollen verschiedenste Bücher vorgestellt und überlegt werden, wie sie in der Praxis gut eingesetzt werden können.

 

 

2) Rudaba Badakhshi:

Die Kita als diskriminierungsfreier Raum

(sich wiederholender, einstündiger Workshop)

 

Der Bildungs- und Erziehungsauftrag für Kitas enthält die Aufforderung, Kinder in ihrer Individualität wahrzunehmen. Folgt man diesem Auftrag und nimmt es als selbstverständlich an, dass jedes Kind speziell und besonders ist, entstehen für die pädagogische Praxis neue Herausforderungen: In der Kita wird es entscheidend, Einseitigkeiten, Ausgrenzungen und soziale Ungleichheiten zu erkennen und dagegen aktiv zu werden. Denn durch individuelle Verhaltensweisen aber auch Strukturen kann die Chancengleichheit von Kindern, Eltern oder Familien bewusst oder unbewusst behindert werden. 

In diesem Workshop sollen der Kindergarten als Ort und die Rollen der Bezugspersonen im Umgang mit Heterogenität und Vielfalt thematisiert werden. Durch Sensibilisierung für Gefahren der Diskriminierung sollen Möglichkeiten zum Durchbrechen einseitiger Kommunikation und einesietigen Handelns aufgezeigt und diskutiert werden.

 

 

3) Dr. Mariya Ransberger:

Nonverbale Kommunikation mit fremdsprachigen Eltern

(sich wiederholender, einstündiger Workshop)

 

 Nonverbale Kommunikation im interkulturellen Kontext - Wahrnehmungs- und Interpretationsunterschiede der nonverbalen Kommunikation

 

 Das Hauptziel des Workshops ist die (Weiter-)Entwicklung interkultureller Handlungskompetenz der Teilnehmer/innen im Bezug auf nonverbale Kommunikation, begleitet und unterstützt durch Selbst- und Fremderfahrung. Ein weiterer Schwerpunkt des Workshops liegt auf Aufarbeitung der Kulturdimensionen von Edward T. Hall (high-low context Kulturen). Im Workshop werden folgende Inhalte thematisiert:

 

  • Rolle und Bedeutung der nonverbalen Kommunikation in unterschiedlichen Kulturen
  • Wahrnehmung und Interpretation der nonverbalen Signale
  • High-low context Kulturen nach E. T. Hall  

 

4) Juliane Zwerschke:

Zusammenarbeit mit eingewanderten Eltern - Grundprinzipien und deren Reflektion anhand von Beispielen aus der Kita-Praxis

(sich wiederholender, einstündiger Workshop)

 

Eingewanderte Eltern können in verschiendenen Hinsichten fremd auf uns wirken. Am öffensichtlichsten sind dabei Unterschiede in der Sprache, in der Kleidung und Unterschiede hinsichtlich phänotypischer Merkmale. Weniger offensichtlich ist, wie Eltern durch Lebenserfahrungen in ihrem Herkunftsland aber auch hier in Deutschland geprägt wurden und welche Vorstellungen sie bspw. von Kindertageseinrichtungen als Bildungsinstitutionen haben. Und wie interpretieren sie soziale Interaktionen? Gibt es diesbezüglich tatsächlich große, kulturell bedingte Unterschiede zwischen eingewanderten Eltern und Eltern, die hier geboren und aufgewachsen sind - oder sogar eine Menge Gemeinsamkeiten?
Viele pädagogische Fachkräfte wünschen sich mehr Handlungssicherheit im Umgang mit eingewanderten Eltern. Einfache Rezepte dafür gibt es aber nicht. In diesem Workshop ausgehend von allgemeinen Grundprinzipien für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit allen Eltern ein Bogen geschlagen zu Beispielen aus der Praxis, die zeigen, wie insbesondere eingewanderte Eltern erreicht werden können.

 

 

5) Christine Steinmetzer und Sarah Girlich: 

Praxisaustausch zu Methoden der alltagsintegrierten sprachlichen Bildung mehrsprachiger Kinder

(sich wiederholender, einstündiger Workshop)

 

Alltagsintegrierte sprachliche Bildung und Förderung für alle Kinder ist Teil der täglichen Arbeit pädagogischer Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen. Im Workshop werden im speziellen Methoden zur Förderung von Kindern nichtdeutscher Muttersprache vorgestellt und erprobt. Verschiedene Materialien, die den Fachkräften vorgestellt werden, sollen die praktische Arbeit in den Einrichtungen unterstützen. Es wird Raum zum Praxisaustausch zwischen den Referentinnen und teilnehmenden Fachkräften geben.

 

 

6) Volker Abdel Fattah:

Ankommen in der Kita - Kinder mitMigrationshintergrund und Fluchterfahrung (durchgängiger, mehrstündiger Workshop)

 

 Flüchtlingskinder sind an erster Stelle und zuerst Kinder! Die frühzeitige Einmündung von Kindern mit Flucht- und Migrationshintergrund in das Bildungssystem ist eine wesentliche Grundvoraussetzung für die dauerhafte und nachhaltige Integration der gesamten Herkunftsfamilie in die bundesdeutsche Gesellschaft. Die Bereitschaft zur Aufnahme von Flüchtlingskindern ist an erster Stelle eine Haltungsfrage. Sowohl auf der personalen Ebene der einzelnen Fach- und Assistenzkräfte wie auf Einrichtungs- und Trägerebene ist es unverzichtbar, dass eine klare Positionierung zur Aufnahme von Flüchtlingskindern diskutiert, festgeschrieben und nach außen kommuniziert wird. Dazu öffnet sich die Kindertageseinrichtung konsequent für alle Kinder, indem eine Kultur der Vielfalt etabliert wird.

 

Kindertageseinrichtungen benötigen die kontinuierliche und erhöhte Begleitung durch Fachberatung. Neben den eigentlichen Aufgaben der Kita-Fachberatung sollte diese eine Schlüsselrolle in der Kommunikation und Vernetzung einnehmen, denn die Aufgaben-stellung der „Vernetzung im Gemeinwesen“ bedarf des Überblicks von einer Arbeitsebene aus, die über der einer Kindertageseinrichtung angeordnet ist.

 

Kindertageseinrichtungen benötigen Unterstützungsinstrumente und die Bereitstellung zusätzlicher Ressourcen, um die mit der Aufnahme von Flüchtlingskindern verbundenen Mehraufgaben im Regelbetrieb gut zu bewältigen. Dies meint einerseits die Verbes-serung der Kita-Rahmenbedingungen bzw. die Verbesserung der Strukturqualität für den Einrichtungsbetrieb (Personalschlüssel und Gruppengrößen, Anerkennung von Vor- und Nachbereitungszeiten,Leitungsfreistellung). Dazu gehört aber auch die mittelbare Unterstützung, in dem Dolmetscherdienste, Sach- und Dienstleistungen, externe Beratungen usw. bereitgestellt werden, um die pädagogische Arbeit der Kindertages-betreuung von den zusätzlich anfallenden Aufgaben zu entlasten. Kindertageseinrichtungen sollten Zugänge zu begleitendem Coaching und Supervision erhalten, um insbesondere die Haltungsfrage (Einstellungen und professionelles Handeln) entwickeln und überprüfen zu können. Daneben sollten Kindertagesein-richtungen mit der Methode der Kollegialen Beratung vertraut gemacht werden, um problematische Fallkonstellationen ebenso wie Fragen zur Qualitäts- und Konzept-entwicklung innerhalb des eigenen Teams und mit den vorhandenen Ressourcen lösen zu können.

 

7) Durchgängiges, mehrstündiges Plenum

 

Dr. Lilli Wagner:

Logopädische Diagnostik von mehrsprachigen Kindern in ihrer sprachlichen Vielfalt

 

Monolinguale Sprachtherapeuten sehen sich häufig in der schwierigen Lage, den Sprachstand eines mehrsprachigen Kindes korrekt einzuschätzen. In jedem einzelnen Fall stellt sich dabei die Frage: "Liegen lediglich mangelnde Deutschkenntnisse vor oder handelt es sich um eine therapiebedürftige Sprachstörung?" Im Workshop wird zum einen das 2014 erschienene Screening der kindlichen Sprachentwicklung - SCREENIKS kurz vorgestellt, das eine zeitökonomische Erfassung des individuellen Sprachent-wicklungsstandes bei 4-7-jährigen ein- und mehrsprachigen Kindern (egal welcher Erstsprachen) ermöglicht. Das computergestützte Verfahren wurde für ein- und mehrsprachige Kinder separat normiert und überprüft die Bereiche Aussprache, Grammatik und Wortschatz. Weitere praktische Hilfsmittel werden vorgestellt, die eine differenzialdiagnostische Abgrenzung bei Migrantenkindern erleichtern können: z.B. die "Anamnesebögen für zweisprachige Kinder", die in 10 verschiedenen Sprachen vorliegen, sowie kontrastive Sprachvergleiche mit Beispielen für Russisch, Polnisch, Griechisch, Spanisch, Türkisch und Arabisch sprechende Kinder.

 

 Dr. Agnes Groba:

Kinder in der Entwicklung ihrer sprachlichen Vielfalt sprachtherapeutisch unterstützen - Überblick zu möglichen Behandlungs- und Beratungsinhalten 

 

Aufbauend auf dem ersten Teil des Plenums zur logopädischen Diagnostik mehr- sprachiger Kinder gibt dieser Teil einen kurzen Überblick darüber, welche sprachthera-peutischen Schritte auf die Feststellung einer Sprachentwicklungsstörung bei einem mehrsprachigen Kind folgen können. Zunächst wird auf die Inhalte einer Elternberatung unter Berücksichtigung interkultureller Aspekte und möglicher sprachlicher Hürden eingegangen. Neben einer Aufklärung der Eltern über die mehrsprachige Entwicklung im Allgemeinen werden Strategien zur Förderung der nicht-deutschen Sprache unabhängig der Sprachentwicklungsstörung thematisiert. Im Folgenden wird zusammengetragen, welche Kenntnisse über die mehrsprachige Entwicklung des Kindes bei der Therapie des Deutschen zu berücksichtigen sind. Abschließend wird der Frage nachgegangen, inwiefern man logopädisch zur Verbesserung der nicht-deutschen Sprache beitragen kann, wenn man diese selbst nicht beherrscht. Hierbei werden die Einbindung der Eltern, mögliche Transfereffekte in umschriebenen Bereichen, die Involvierung metasprachlicher Strategien sowie das Training exekutiver Funktionen angesprochen.                            

 

"Austausch de luxe"

Zusammentreffen, Diskussionen & Kontaktpflege bei Kaffee und Kuchen

         

Im Anschluss an innovative Impulse und Diskussionen erhalten Sie Zeit und Gelegenheit, mit den Vortragenden, ReferentInnen, Workshopleitenden und Ihren KollegInnen individuell weiterzuarbeiten. Dafür schaffen wir für Sie eine angenehme Atmosphäre, geben Ihnen Eindrücke aus den Workshops, unterstützen Sie beim Knüpfen von Kontakten - oder lassen Sie in Ruhe diskutieren. 

 

News

Das Landeskompetenzzentrum zur Sprachförderung befindet sich in Trägerschaft des Vereins zur Förderung von Sprache und Kommunikation e. V. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.