2. Leipziger Frühjahrssymposium Sprache & Kommunikation

am 21. Juni 2013

 

Fokus Sprachförderung: Konzepte - Bedingungen - Wirkungen

 

Abstracts

 

Herrmann Schöler:

Zur Evaluation von Sprachfördermaßnahmen

 

"Alle reden von Sprachförderung" - Ein wesentlicher Punkt bleibt dabei in aller Regel unterbelichtet: Was ist bzw. wer hat überhaupt einen Sprachförderbedarf? Die unglaublich variierenden Bedarfszahlen legen nahe, dass hierfür sehr unterschiedliche Kriterien gesetzt werden. Neben dieser Grundsatzproblematik wird am Beispiel der Evaluation eines Sprachförderprogrammes aufgezeigt, wie schwierig einerseits, aber wie relevant andererseits solche Evaluationen sind. Ausgehend von den wenig befriedigenden Ergebnissen solcher Evaluationen wird überlegt, an welchen Stellschrauben gedreht werden müsste, um diese Situation zu verbessern.

 

 

Claudia Wirts:

Sprache lernen im Dialog – Interaktionsqualität erfassen


Die Interaktionsqualität ist Kindertageseinrichtungen ist das zentrale Thema, wenn es um den Erfolg von Bildungsvermittlung bei Kindern geht.
Studien, die Erzieherin-Kind-Interaktionen in den Blick genommen haben, konnten zahlreiche Zusammenhänge zwischen bestimmten Interaktionsverhaltensweisen und dem Outcome der Kinder nachweisen. Verschiedene, vor allem internationale Studien (u.a. Siraj-Blatchford et al. 2002 (REPEY-Studie) und Sylva et al. 2004 (EPPE-Studie); NICHD (NICHD ECCRN, 2000, 2002) fanden in Einrichtungen mit höherer Interaktionsqualität positivere kindliche Entwicklungsverläufe als in qualitativ schlechteren Einrichtungen. Dies gilt für Kompetenzbereiche wie die Sprachentwicklung oder mathematische Fähigkeiten (Mashburn et al. 2008; Howes et al. 2008; Penno et al. 2002; Pianta et al. 2008) ebenso, wie für die sozio-emotionale Entwicklung (Sylva et al. 2004; Mashburn et al. 2008; Curby et al. 2009; NICHD, 2002). Die Qualität der Interaktionen stellte sich bei Mashburn et al. (2008) als wichtigster Faktor für den Lernerfolg im Bereich akademischer wie sozialer Kompetenzen der Kinder heraus. Zahlreiche weitere Studien identifizieren die Prozessqualität als wichtigen Einflussfaktor auf die sprachlichen Kompetenzen der Kinder (Peisner-Feinberg et al. 2001; Roßbach 2005; Sammons et al. 2008; Tietze et al. 2005).
Das derzeit am ifp laufende Forschungsprojekt BIKE (Bedingungsfaktoren für gelingende Interaktionen zwischen Erzieherinnen und Kindern) stellt die Frage nach den Bedingungsfaktoren für gelingende Interaktionen im Kita-Alltag. Dabei stehen folgende Fragen im Vordergrund:

  • Welche Formen der Erzieherinnen-Kind-Interaktion finden sich in bayerischen Kindertageseinrichtungen?
  • Welche Bedingungsfaktoren (Umwelt, Person) finden sich in Einrichtungen mit hoher Interaktionsqualität im Unterschied zu solchen mit niedriger Interaktionsqualität?
  • Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Beziehungs-, Interaktions- und Strukturqualität (Emotional Support, Classroom Organisation und Instructional Support)?

 

Zur Erfassung der Interaktionsqualität werden die Verfahren CLASS - Classroom Assessment Scoring System - Pre-K (Pianta, La Paro & Hamre, 2008) und CIS – Caregiver Interaction Scale (Arnett, 1989) zur Beobachtung eingesetzt. Die moderierenden Bedingungsfaktoren in den Bereich der Struktur- und Organisationsqualität werden mit Hilfe von Fragebögen, Q-Sort-Verfahren und Vignetten erfasst. Durch eine umfassende Analyse des Zusammenspiels von Bedingungsfaktoren und Interaktionsqualität soll das Projekt BIKE einen Beitrag dazu leisten, die Qualitätsentwicklung in der Praxis voranzubringen.

 

Literatur:
Curby, T. W., LoCasale-Crouch, J., Konold, J., Pinata, R., Howes, C. & Burchinal, M. e. a. (2009). The relations of observer pre-k classrooms
   quality profiles to children`s academic achievement and social competence. Early Education and Development, 20, 346-372.

Howes, C., Burchinal, M., Pianta, R., Bryant, D., Early, D. & et al. (2008). Ready to learn? Children`s preacademic achievement in pre
   Kindergarten programs. Early Childhood Research Quarterly, 23, 27-50.

Mashburn, A. J., Pianta, R. C., Hamre, B. K., Barbarin, O. A., Bryant, D., Buchinal, M. et al. (2008). Messures of Classroom Quality in
   Prekindergarten and Childern`s Development of Academic, Language, and Social Skills. Child Development, 79 (3), 732-749.

NICHD Early Child Care Research Network. (2000). The relation of child care to cognitive and language development. Child Development, 71,

   960-980.
NICHD Early Child Care Research Network. (2002). The Relation of Global First-Grade Classroom Environment to Structural Classroom

   Features and Teacher and Student Behaviors. The elementary school journal, 102 (5), 367-387. Verfügbar unter http://www.jstor.or

   /stable/1002181
Peisner-Feinberg, E. S., Burchinal, M. R., Cifford, R. M., Culkin, M. L., Howes, C. et al. (2001). The Relation of Preschool Child-Care Quality to
   Children`s Cognitive and Social Developmental Trajectories through Second Grade. Child Development, 72 (5), 1534-1553.

Penno, J. F., Wilkinson, I. A. G. & Moore, D. W. (2002). Vocabulary acquisition from teacher explanation and repeated listening to stories: Do
   they overcome the Matthew effect? Journal of Educational Psychology, 94 (1), 23-33.

Pianta, R., Belsky, J., Vedergrift, N., Houts, R., Morrison, F. & NICHD Early Chid Care Research Network. (2008). Classroom effects on
   children`s achievement trajectories in elementary school. American Educational Research Journal, 45 (2), 365-397.

Roßbach, h.-G. (2005). Effekte qualitativ guter Betreuung, Bildung und Erziehung im frühen Kindesalter auf Kinder und ihre Familien. In
   Sachverständigenkommission Zwölfter Kinder- und Jugendbericht (Hrsg.), Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern unter sechs
   Jahren. Band 1 (Bd. 1, S. 55–174). München: Verlag Deutsches Jugendinstitut.

Sammons, P., Anders, Y., Sylva, K., Melhuish, E., Siraj-Blatchford, I., Teggart, B. et al. (Hrsg.). (2008) Children`s Cognitive Atteinment and
   Progress in English primary Schools During Key Stage 2: Investigating the potential continuing influences of pre-school education
   [Themenheft]. Zeitschrift für Erziehungswissenschaften, 10 (11).

Siraj-Blatchford, I., Sylva, K., Muttock, S., Gilden, R. & Bell, D. (2002). Researching Effective Paedagogy in the Early Years: DfES Research
   Report 356. Zugriff am 19.03.2012. Verfügbar unter http://www.327matters.org/Docs/RR356.pdf.

Sylva, K., Melhuish, E., Sammos, P., Siraj-Blatchford, I., Taggart, B. & Elliot, K. (2004). The Effective Provision of Pre-School Education Project -
   Zu den Auswirkungen vorschulischer Einrichtungen in England. In G. Faust, M. Götz, H. Hacker & H.-G. Roßbach (Hrsg.), Anschlussfähige
   Bildungsprozesse im Elementar- und Primarbereich (S. 154–167). Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

Tietze, W., Rossbach, H.-G. & Grenner, K. (Hrsg.). (2005). Kinder von 4-8 Jahren. Zur Qualität der Erziehung und Kinder von 4 bis 8 Jahren: Zur
   Qualität der Erziehung und Bildung in Kindergarten, Grundschule und Familie (1. Aufl.). Weinheim: Beltz.

 

Anke Buschmann:

Alltagsintegrierte Sprachförderung in der Kita - Konzept und Evaluation des Heidelberger Interaktionstrainings für pädagogisches Fachpersonal (HIT)

 

Gute sprachliche Kompetenzen sind der Schlüssel zu schulischem Erfolg und zur Integration in die Gesellschaft. Deshalb sollte eine gezielte sprachliche Förderung von Kindern mit verzögerter Sprachentwicklung und mehrsprachig aufwachsenden Kindern so früh wie möglich beginnen. Eine große Chance bietet in diesem Zusammenhang die zunehmend frühere außerfamiliäre Betreuung in Kinderkrippe und Kindergarten. Das „Heidelberger Interaktionstraining für pädagogisches Fachpersonal" realisiert eine alltagsintegrierte Sprachförderung von ein- und mehrsprachig aufwachsenden Kindern mit dem Fokus auf Kinder mit geringen Sprachkompetenzen. In einem sprachbasierten Interaktionstraining wird das Fachpersonal systematisch zu einem gezielt sprachförderlichen Verhalten angeleitet und supervidiert. Die Ergebnisse der Evaluationsstudien in Kinderkrippe und Kindergarten belegen die Effektivität dieses Programms hinsichtlich einer Verhaltensänderung auf Ebene der ErzieherInnen und zeigen auf Seite der Kinder eine akzelerierte sprachliche Entwicklung im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Im Vortrag werden das Konzept und unterschiedliche Evaluationsstudien vorgestellt.

 

 

Karen Schramm:

Sprachförderung bei kindlichen Erzählungen in Deutsch als Zweitsprache

 

 

Kerstin Popp & Anett Platte:

Wahrnehmung und Umgang mit Verhaltensweisen von Kindern

 

Ausgehend von der eigenen Wahrnehmung von Verhaltensauffälligkeiten im Kindergarten wird kritisch hinterfragt, was ist ein normales Verhalten eines Kindergartenkindes. Besonders wird dabei auf die emotionale Entwicklung von Kindergartenkindern eingegangen. Unter dem Blick der Verursachung und den Möglichkeiten des Erkennens von Verhaltensauffälligkeiten wird auf Hilfsangebote und –möglichkeiten verwiesen.

 

 

Kathrin Kieczkowski:

Hörschädigung - Besonderheiten und Möglichkeiten der Kommunikation im Kita- Alltag

 

Im Workshop werden mögliche Auswirkungen der Hörschädigung auf die Kommunikation und Interaktion im frühen Kindesalter aufgezeigt. Pädagogische Ansätze in der Hörfrühförderung und der Arbeit in der Kindertagesstätte sowie die Möglichkeiten technischer Hilfsmittel und unterstützender Kommunikation werden anhand von Praxisbeispielen dargestellt.

 

 

Herbert Lange:

 UNTERWEGS MIT SILAS

Teammodell zur ganzheitlichen Förderung bei Trisomie 21

 

Kinder mit Trisomie 21 zeigen bei aller Unterschiedlichkeit in ihrer Persönlichkeit und ihren individuellen Lernleistungen besondere Stärken im visuellen, im rhythmisch-musikalischen und sozialemotional-pragmatischen Bereich. Im Rahmen ganzheitlich orientierter Logopädie, die auf erfolgreiche Kommunikationsentfaltung, größtmögliches, auch akademisches Wachs-tum der Kinder und ihre vollständige gesellschaftliche Integration abzielt, müssen all diese Ressourcen sorgfältig geprüft und genutzt werden. Am effektivsten geschieht das als genau und dynamisch definierter, aufeinander abgestimmter Teamprozess mit dem Kind, seiner Familie, den Spiel- und Lernkameraden seiner direkten Umgebung (Peers), den Erziehern und Lehrerinnen sowie den behandelnden Therapeuten. Am Beispiel der über den Verlauf von 3,5 Jahren beobachteten Kommunikationsentwicklung von Silas, einem Jungen mit Trisomie 21 im Alter von 6,5 Jahren, soll ein sechssäuliges Fördermodell vorgestellt und diskutiert werden. Dieses vom Team eines niedersächsischen Integrationskindergartens ganzheitlich gestaltete Programm setzt sich aus folgenden Elementen zusammen:   

-    Musik und Rhythmus
-    Gebärdenunterstützter Kommunikation (GuK)
-    entwicklungsangepasster Förderung von Grob- und Feinmotorik
-    Bilderbüchern (=Literaturtraining)
-    Peer- und Familientraining
-    Anbahnung ganzheitlichen Lesens und Schreibens (Intro)

Nach Kurzvorstellung von Silas beschreibt der Vortrag alle sechs genannten Kernbereiche, insbesondere in ihrem inhaltlich-methodischen Zusammenspiel und in der Materialwahl. Es werden viele praktische Hinweise, Ideen und Arbeitsbeispiele vermittelt. Die  Diskussion zur inklusiven Einschulung von Silas im Sommer 2013 lässt Raum für Eigenerfahrungen und Fragen.   

Literatur:
Chamberlain, Catherine E.; Strode, Robin M. (1999). The Source for Down Syndrome. LinguiSystems Inc. East Moline.  
Manske, Christel (2004). Entwicklungsorientierter Lese- und Schreibunterricht für alle Kinder. Beltz Verlag Weinheim und Basel.
Oelwein, Patricia L. (1995). Kinder mit Down-Syndrom lernen lesen. Edition 21 im G&S Verlag. 5. Auflage 2007.
Wilken, Etta (2008). Sprachförderung bei Kindern mit Down-Syndrom. Kohlhammer Verlag Stuttgart.
Zimpel, André F. (2010). Zwischen Neurobiologie und Bildung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.

News

Das Landeskompetenzzentrum zur Sprachförderung befindet sich in Trägerschaft des Vereins zur Förderung von Sprache und Kommunikation e. V. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.